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Carlo Wedekind

Den hier gezeigten Brief habe ich kürzlich erworben. Ihm lag ein kleiner Zettel bei: "Porto 0,30. Oktober 78. Warum? Briefe seit 1.1.74 20 cent für je 15 gr. Ein Doppelbrief wäre also 40 centesimi. Erklärung? Zuschlag nach Sizilien?" Einige Erklärungsversuche werden hier angeführt, eine abschließende Bewertung möchte nicht vornehmen.

Fangen wir mit einer Beschreibung des Briefes an: vor uns liegt ein Faltbrief - der mir vorliegende halbe Bogen misst 26 * 20 cm. Er ist frankiert mit der braunen 30 centesimi Marke aus der De La Rue Serie (Nr. 19 bei Sassone, Unificato und Michel). Entwertet ist die Briefmarke mit einem Duplex Stempel "Roma Ferrovia" vom 23.10.1878 (8 Uhr abends), der Nummernanteil zeigt die Nummer 207. Dieser Stempel - und auch die Kombination dieses Stempels mit dieser Marke - sind zeitgemäß. Rückseitig trägt der Beleg einen Ankunftsstempel "Palermo" vom 25.10. um 8 Uhr morgens.

Soweit die beschreibung der postalischen Vermerke, auf der Vorderseite gibt es darüber hinaus noch einen Absenderstempel "Carlo Wedekind & Co., Roma". Adressiert ist der Brief an "Signori Carlo Wedekind Co., Palermo". Also handelt es sich um einen Brief zwischen zwei Standorten eines Unternehmens. Ein Blick ins Internet verrät uns, dass es sich um kein unbekanntes Unternehmen, sondern um ein Bank- und Handeslshaus handelt. Der Hauptsitz des Unternehmens scheint Palermo gewesen sein, wo Karl Wedekind bis 1866 hannoverscher Konsul gewesen ist. In Rom residierte das Unternehmen im "Palazzo Wedekind" an der Piazza Colonna gegenüber der Marc-Aurel-Säule.

Fußläufig liegt das Postamt "Roma Centro" vom Palazzo Wedekind sicherlich näher als die Stazione Termini. Trotzdem mag es gute Gründe für eine Auflieferung am Bahnhofspostamt gegeben haben.

Werfen wir nun einen Blick in die damaligen Tarife, um auszuschliessen, dass sich der Schreiber des kleinen Zettels vertan hat:

Lettera 0,20 ogni gr 15
  idem non affrancate 0,30 ogni gr 15
  idem entro il distretto 0,05 ogni gr 15
Raccomandazione 0,30 oltre l'affrancatura ordinaria
Assicurazione 0,20 ogni lire 100 oltre affrancatura per raccomandata
Vie di mare: lettera 0,05

Also - der Zettel liegt nicht verkehrt - allerdings: Zuschlag für "Vie de Mare" sind 5 centesimi - also haben wir immer noch centesimi zu viel - und keinerlei Vermerke über eine Sonderleistung.

Versuchen wir es also mal mit anderen Erklärungen: die 20 centessimi Marke war ausverkauft und der Brief mußte umbedingt noch am selben Tag befördert werden. Hierfür spräche auch mit 20:00 Uhr die relativ späte Urzeit. Aber kann man sich wirklich vorstellen dass Roma Ferrovia alle kleinen Werte ausverkauft waren? Und dass dies öfters passiert? Ich habe einen Brief aus dem April 1878 - gleicher Absender, gleicher Empfänger, gleiche Frankatur ... nur eine andere Handschrift.

Ich glaube eher - aber auch dies ist nur eine Vermutung - dass das Bankhaus Wedekind einen regen Auslandsbriefverkehr hatte, und dass dieser Brief versehentlich auf den Stapel mit den Auslandsbriefen geraten ist. Und dann nach dem Motto "das Sortieren der Briefe ist teurer als das zusätzliche Porto" einfach überfrankiert wurde.

Literatur

Benito Carobene: Tariffe postali italiane per l'interno e per l'estero 1.1.1863-14.2.2000. in: AICPM 1974-2004. Vastophil 2005

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